Osteopathie-Praxis Patrick Bick
Telefon: 0341 35581668
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Herzratenvariabilität (HRV):

Was sie über Stress, Erholung und Schlaf zeigt

Es wird viel über Stress geredet. Aber was ist das genau, und wie können wir ihn im Alltag beeinflussen? Über sogenannte Surrogatparameter lassen sich Stress messen und beurteilen (Haurand et al., 2015: 145).

Stress und das vegetative Nervensystem

Stress ist ein Ungleichgewicht beziehungsweise mangelnde Regulation im vegetativen Nervensystem. Die beiden bekanntesten Steuerer sind Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus ist für die Energiebereitstellung verantwortlich, die uns kämpfen und fliehen lässt. Der Parasympathikus hält Erholung, Verdauung und Reproduktionsvorgänge aufrecht.

Solange wir uns artgerecht verhalten, schafft unser Kontrollsystem das sehr gut. Stellen wir es vor Probleme, weil wir uns zu wenig bewegen, keine Regenerationspausen einnehmen oder uns seltsam ernähren, wählt der Körper eine Strategie, um die wichtigsten Organe mit Energie zu versorgen. Andere Systeme werden dabei vernachlässigt, gedrosselt oder abgestellt.

Ein einfaches Beispiel ist Diabetes Typ II. Durch zu viel Zucker im Blut muss ständig Insulin produziert werden. Weil dauerhaft viel Insulin vorhanden ist, werden die Insulinrezeptoren abgebaut, um die Zelle zu schützen, denn auch zu viel Zucker in der Zelle wirkt schädlich. Mit diesem Abbau schützt sich die Zelle so lange, bis das Überangebot sinkt und es sich wieder lohnt, die Rezeptoren zu aktivieren. Der Organismus nutzt solche Strategien aus einem Grund: Er gewinnt Zeit, um Missstände zu überbrücken.

Wie gut das System funktioniert, zeigt eine Studie aus Australien. Zehn Aborigines mit erworbenem Diabetes Typ II, die bis dahin in der Stadt lebten, kehrten vorübergehend zu ihrer traditionellen Lebensweise zurück. Nahrung musste durch körperliche Aktivität gesammelt oder gefangen werden, Kommunikation fand über Anwesenheit und Sprache statt, es gab kein Handy, keinen Computer und keinen Zeitdruck. Nach wenigen Wochen hatten sich die Stoffwechselwerte deutlich verbessert (O’Dea, Diabetes 1984; 33: 596–603).

Was die Herzratenvariabilität misst

Stress beeinflusst unter anderem Herzfrequenz und Blutdruck über Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol (Haurand et al., 2015: 145). Diese Werte lassen sich über die Herzratenvariabilität (HRV) darstellen. Bei jedem Herzschlag entsteht eine R-Zacke. Gemessen wird der Abstand von R-Zacke zu R-Zacke. Ist dieser Abstand immer gleich, dominiert der Sympathikus. Wechselnde Unterschiede in den Abständen zeigen einen Einfluss des Parasympathikus. In einer 24-Stunden-Aufnahme wird so analysiert, wie das vegetative Nervensystem arbeitet.

Abbildung 1: EKG-Streifen mit R-Zacken und gemessenen Abständen in Millisekunden.

Aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien lassen sich Muster in der HRV deuten und auf verschiedene Ursachen zurückführen (Thomas Hasiba, Cardiscope, 2016).

Die 24-Stunden-HRV-Methode zeigt wichtige Regulationsprozesse in validen Parametern und in einer eigenen Bildsprache. Schon der kleine Unterschied zwischen einem Herzschlag und dem nächsten gibt Hinweise auf Stressbelastung und auf die gesamte Regulationsfähigkeit eines Menschen.

Die Herzrate spiegelt Beanspruchung, Ressourcen, Leistungsfähigkeit, Regenerationsabläufe und Schlaf des Organismus wider. Ziel ist eine ökonomische Herzrate am Tag und im Schlaf, verbunden mit einer hohen Variabilität. Der niedrigste Wert (Ruhepuls) liegt meist in den frühen Morgenstunden und beträgt bei sehr gut trainierten Menschen unter 40 Schläge pro Minute. Für die maximale Herzrate gilt als Richtwert 220 minus Lebensalter.

Die Gesamtzahl der Herzschläge in 24 Stunden liegt meist um die 100.000. Weniger als 100.000 spricht für einen sehr ökonomisch arbeitenden Organismus (bei Sportlern etwa 80.000). Deutlich höhere Werte, etwa über 130.000, sollten ärztlich abgeklärt werden.

Burnout und Depression

Bei älteren Erwachsenen mit klinischer Depression (N = 550) war die Herzfrequenzvariabilität im Vergleich zu gesunden Kontrollen reduziert (Hedges’ g = −0,334; 95-%-KI [−0,579; −0,090]; p = 0,007). Wurden hoch- und niederfrequente Anteile getrennt betrachtet, war nur die niederfrequente Variabilität bei depressiven Patienten deutlich reduziert (Hedges’ g = −0,626; 95-%-KI [−1,083; −0,169]; p = 0,007).

In der Darstellung der Frequenzbänder gilt:

  1. Das sehr niedrige Frequenzband (VLF) spiegelt Durchblutung und körperlichen Leistungszustand wider.
  2. Das niedrige Frequenzband (LF) zeigt die kognitive Beanspruchung.
  3. Im hohen Frequenzband (HF) finden sich die Regenerationsressourcen und die Atmung.

Abbildung 2: HRV-Spektrogramm. Links eine altersentsprechend gute HRV, rechts ein Beispiel mit kaum Regenerationsphasen (Burnout).

Die Herzrate reagiert auf chronischen Stress mit höheren Werten am Tag und im Schlaf. Eine gute Absenkung der Herzrate zwischen Tag und Schlaf ist ein gutes Zeichen für eine gesunde Regulation. Wird die Beanspruchung chronisch, dominiert der Sympathikus, und die Schlafqualität leidet stark.

Natürlich gilt es zu hinterfragen, woher der Stress kommt. Sind es innere Stressoren, Einstellungen, Wertekonflikte, Zeit- oder Leistungsdruck? Chronischer Schlafmangel kann eine Folge von chronischem Stress sein.

Alkohol

Alkoholkonsum kann die nächtliche Erholung vermindern. Der Wert „Total Power Nacht“ (Regenerationsscore) ist unter Alkoholeinfluss deutlich niedriger, und die Pulsfrequenz sinkt im Schlaf nicht wie gewünscht.

Abbildung 3: Zwei Messungen im Vergleich. Messung 1 ohne Alkohol am Abend: Herzrate nachts 63, tags 86 Schläge pro Minute, Total Power Nacht 9437 ms². Messung 2 mit Alkohol am Abend: Herzrate nachts 83, tags 89, Total Power Nacht 1355 ms².

Mentale Erschöpfung

Mentale Aktivierungsprozesse zeigen sich im Bereich um 0,1 Hz: Konzentration und Fokus. Während geistiger Beanspruchung sind die Herzrate und die Gesamtenergie niedrig, VLF ist vorhanden, LF und HF sind gut ausgeprägt. Der LF-Bereich ist der wichtigste Frequenzbereich für die Bewertung der mentalen Aktivierung.

Eine gute mentale Ansteuerung ist bei geistiger Aktivität wie Lesen, Arbeit am PC, Lernen oder Projektarbeit nötig. Wichtig ist, dass in dieser Phase auch alle anderen Parameter gut ausgeprägt sind. Ist nur der 0,1-Hz-Bereich sichtbar und sind die darunterliegenden Frequenzbereiche reduziert, zeigt sich eine Erschöpfung: Der Kopf will, aber der Körper will nicht mehr.

Abbildung 4: Spektrogramm einer mentalen Beanspruchung.

Schlaf

Schlaf ist ein zentraler Mechanismus für die Gesundheit und ein Spiegel des Lebensstils. Erste Schlafprobleme sind oft ein Anzeichen von Stress. Die Verarbeitung von Emotionen im Schlaf ist bedeutsam für das psychische Wohlbefinden. Im Schlaf laufen wichtige Regulations- und Regenerationsprozesse ab, damit wir am Tag wieder voller Energie sind. Für die Beurteilung von Schlaf und Schlafqualität ist die erste Tiefschlafphase besonders wichtig.

Abbildung 5: Spektrogramm einer Nacht.

Fazit

Die Herzratenvariabilität ist ein wissenschaftliches Instrument, um das vegetative Nervensystem sichtbar zu machen. Mit dieser Methode werden zahlreiche Studien durchgeführt. Aus den Messungen lassen sich viele Parameter ablesen, mit denen Betroffene ihren Lebensstil oder gezielte Maßnahmen anpassen können. Im Leistungssport wird die HRV angewandt, um Konstitution oder Übertraining zu erkennen.

Im Alltag ist es wichtig zu wissen, welche Momente wirklich guttun, zum Beispiel Freunde treffen, mit den Kindern spielen oder lesen. Dieses Wissen lässt sich nutzen, um dem Körper Erholung zu ermöglichen, vorbeugend oder in Absprache mit der ärztlichen Behandlung.

 

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Bei Beschwerden wie anhaltender Schlaflosigkeit, Herzrhythmusstörungen oder depressiven Symptomen sollten die Ursachen ärztlich abgeklärt werden.

Patrick Bick, Osteopath in Leipzig

Über den Autor

Patrick Bick ist Physiotherapeut und selbstständiger Osteopath in Leipzig.

Literatur:

Haurand et al. (2015), S. 145 [vollständige Angabe fehlt, bitte ergänzen]. Hasiba T., Cardiscope (2016) [vollständige Angabe fehlt]. O’Dea K. (1984), Diabetes 33(6): 596–603.